Erfahrungsberichte
Aber auch in diesem Bezug kommt seitens der Familie kaum Unterstützung sondern nur Vorwürfe und selbst sogar Drohungen. Dass das in mir weitere depressive Gedanken, Sorgen und Schuldgefühle auslöst, scheint meiner Familie nicht bewusst zu sein. Man legt Ihnen Infomaterial hin, dass sie im Umgang mit mir als Depressiven unterstützen soll, die Blätter werden zwar gelesen, der Inhalt aber scheinbar nicht registriert oder gar umgesetzt. Vermutlich auch mein Elternhaus und meine etwas schwierige Kindheit sowie die Schulzeit sind sicher mitverantwortlich als Auslöser meiner Depression. Mein Vater war immer dem Alkohol mehr zugewandt als seiner Familie. Terrorisieren, Drohungen gegen die Mutter, Verwüstungen im Haus und manche Flucht standen an der Tagesordnung. Das es für die Schule nicht gerade förderlich ist, mit solchen Gedanken und Ängsten leben zu müssen, die du noch dazu mit niemanden besprechen kannst, ist glaube ich klar. Durch eine hypophysäre Insuffizienz, einer Unterentwicklung der Hirnanhangdrüse, die den zweiten Teil des Auslösens meiner Depression bildet, war ich von Anfang an recht klein und musste fast tägliches Spritzen von Wachstumshormonen über mich ergehen lassen, dass ich überhaupt meine heutige Größe erreichen konnte. Auch diese Erkrankung und meine Sehschwäche nagten an meinem Ego. Auch die durch den Kleinwuchs, meine eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit, durch Sehschwäche und der etwas rundlichen Statur ausgelösten Verspottungen durch meine Mitschüler waren für mich nur schwer zu ertragen. Bei mir äußert sich eine mittlere bis starke Depression durch Grübeln über alles was mir in meinem Leben widerfährt, durch tiefe Traurigkeit, die man mit einer Traurigkeit beispielsweise über die Krankheit eines lieben Menschen, in keinem Fall vergleichen kann. Es ist ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt. Oft zieht sich der Körper zusammen und es kommt zu Verspannungen. Auch Ein- und Durchschlafstörungen können durch das spätabendliche Grübeln auftreten. Man hört von vielen Depressiven, dass sie es am Morgen kaum aus dem Bett schaffen. Wenn es bei mir soweit kommt, dann weiß ich, dass bald wieder eine „Auszeit vom Leben“ notwendig wird, weil ich am Morgen normalerweise keine Probleme habe. Baut sich die Depression langsam wieder auf, reicht oft eine Kleinigkeit, etwa der Ärger über eine Mahnung, das die Sache eskaliert. Wenn ich dann nicht ein einigermaßen brauchbares Netz um mich habe, dass im Stande ist mich aufzufangen, ist ein Suizidversuch meist nicht weit. Aber auch wenn man durch die Depression manche Freunde verliert, von denen man es nie geglaubt hätte, man gewinnt auch – beispielsweise durch die Selbsthilfegruppe – wieder neue Freunde, die dann auch das notwendige ernstgemeinte Verständnis für seine Gefühle aufbringen können. Bei einer starken Depression kann ich mich meist über nichts mehr freuen. Wenn ich beispielsweise sonst bei wolkenlosem Himmel richtig auflebe, ist mir dieser dann völlig egal. Es ist auch schon vorgekommen, dass mir dann nicht einmal Essen geschmeckt hat, wo ich sonst nicht widerstehen kann. Auch Weinkrämpfe können dann vorkommen. Aber das Weinen musste ich im Laufe meiner Depression erst wieder lernen, weil man dass in der Depression oft nicht mehr kann, obwohl das Bedürfnis da wäre. Ich bin froh, es wieder zu können, weil es doch leichter macht und der innere Druck dadurch etwas nachlässt. Von mittleren Depressionsschüben versuche ich mich durch Entspannung, Suggestion oder „Kraftmusik“ herunter zu holen, was bei schweren Depressionen natürlich nicht mehr funktioniert. So bin ich glaube ich doch durch mein Leben, aber auch durch meine Depression auch in meinen jungen Jahren schon sehr erfahren, was mein Leben betrifft und hoffe, dass sich die Depression nicht mehr allzu lange an mich klammert. Aber wer weiß, vielleicht kann ja ich sie gar nicht loslassen? Herr B. im Februar 2006
Schilderungen von Betroffenen
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