Leben mit Depression und Angst

Angsterkrankung

Jeder hat das Gefühl von Angst schon einmal erlebt. Doch Angst hat viele Gesichter und kann krankhafte Ausmaße annehmen.

Ihre Ängste können Sie jedoch auch erfolgreich überwinden Die meisten Menschen haben schon Bekanntschaft mit dem Gefühl der Angst gemacht. Die Fähigkeit, Angst zu empfinden, ist uns angeboren. Und doch unterscheiden wir uns darin, in welchen Situationen wir Angst empfinden wie häufig wir Angst empfinden, auf welche Art und Weise sich die Angst äußert wie stark unsere Ängste sind wie wir mit unseren Ängsten umgehen wie lange unsere Ängste anhalten

Angsterkrankung - Definition

Was sind Angststörungen, und wie unterscheiden sie sich von normalen Ängsten?
Angststörungen sind Erkrankungen, die man an bestimmten Symptomen erkennen kann. Wir bezeichnen Angstzustände als Krankheit, wenn sie:

- unangemessen, zu stark und zu häufig auftreten und lange anhalten.
- belasten und starkes Leiden verursachen
- zur Vermeidung wichtiger Aktivitäten führen

Bei allen Angststörungen können bestimmte Lebensereignisse, Stress und Überlastung - kurz- oder langfristiger Art - eine entscheidende Rolle spielen. 

Manche Angststörungen können langfristig zu Depressionen und zu Medikamenten- sowie Alkoholmissbrauch führen.

Wir haben dargelegt, dass Angst an sich etwas Notwendiges und Sinnvolles ist. Angsterkrankungen sind danach in der Regel Übersteigerungen an sich normaler und biologisch festgelegter Reaktionen. Bei fast allen Formen von Angststörungen spielen Fehlsteuerungen bei der Angst-Stress-Reaktion eine entscheidende Rolle

Weshalb haben wir Angst?
Unsere Angst soll uns dabei helfen, unser Leben zu erhalten. Sie ist eine Alarmreaktion. Wir reagieren an diesem Punkt noch genauso wie unsere Vorfahren. Sie mussten vor wilden Tieren flüchten und mit feindlichen Stämmen kämpfen. Dazu benötigten sie Muskelkraft, Energie und Konzentration. Unsere Vorfahren mussten sehr schnell reagieren. Deshalb tritt unsere Angst auch heute noch blitzschnell in Erscheinung. Die Angst äußert sich in ganz unterschiedlichen Bereichen:

 - im Körper
Wir atmen schneller und tiefer, die Muskeln spannen sich an, Puls und Blutdruck erhöhen sich, Appetit und sexuelles Verlangen lassen nach. Wir verspüren den Drang, Darm und Blase zu entleeren

- im Verhalten
Wir flüchten oder meiden Situationen. Oder wir verfallen in eine Art Totstellreaktion, erstarren für den Augenblick.

- in Gedanken
Die Gedanken kreisen um die Gefahr. Wir sind hochkonzentriert. Wir beschäftigen uns damit, wie wir in Zukunft diese Gefahr vermeiden können. Ist die Angst zu groß, ist jedoch unser Denken blockiert.

Von der Natur aus ist es vorgesehen, dass die Angst nachlässt, sobald die Gefahr vorüber ist. Sobald wir unserem Körper Entwarnung geben, läuft die Veränderung in entgegen gesetzter Richtung. Die Muskeln entspannen sich, die Atmung verlangsamt sich usw. Diese automatische Anpassung an die Anforderungen aus der Umwelt funktioniert allerdings nur, solange die Anforderungen nicht allzu groß sind. Problematisch wird es, wenn außergewöhnliche Belastungen eintreten, länger anhalten oder wir unserem Körper permanent Alarmsignale geben, wo äußerlich keine Belastung vorliegt. Dann entsteht ein Missverhältnis zwischen Anspannung und Entspannung.

Wie entsteht unsere Angst?

Es gibt Phasen in der Entwicklung, in der wir als Kinder ganz bestimmte Ängste erleben müssen - wie etwa die Angst vor Dunkelheit oder Gespenstern. Diese Ängste bauen sich jedoch bis zum Erwachsenenalter bei den meisten Menschen ab. Einen Großteil unserer Ängste, unter denen wir als Erwachsene leiden, haben wir erlernt. Das Erleben eines traumatischen Erlebnisses - wie etwa eines Unfalls, einer schweren Erkrankung, einer plötzlich auftretenden Übelkeit in der Öffentlichkeit, eines großen Misserfolgs, des Todes eines Angehörigen - können dazu führen, dass wir uns eine negative Sichtweise zulegen und von nun an diese Situationen als "gefährlich" ansehen.

Wir unterschätzen unsere Fähigkeiten damit umzugehen und überschätzen die Gefahr. Wir rechnen beständig mit der Möglichkeit einer Wiederholung der schlimmen Erfahrung, haben Angst vor der erneuten Konfrontation. Schon in der Vorstellung, dass es nochmals passiert, bekommen wir Angstgefühle. Auch von überängstlichen Eltern können wir lernen, viele Situationen als gefährlich anzusehen, die es in Wirklichkeit gar nicht oder nicht in dem Ausmaß sind. Angstgefühle können auch auftreten, wenn wir über längere Zeit in starker Anspannung gelebt haben, weil beispielsweise ein Familienmitglied chronisch krank ist, sich der Partner von uns trennte oder unser Körper nach einer schweren körperlichen Erkrankung einfach erschöpft ist. Nicht zuletzt können auch körperliche Ursachen wie z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion, ein Mangel an Vitamin B1 oder eine Störung des Kalziumshaushalts unsere Angst verursachen.

Einteilung der Ängste

Aus medizinischer Sicht unterscheidet man drei große Gruppen von Angststörungen: Angststörung (generalisierte Angst, frei flottierende Angst) Panikstörung (oder Panik-Attacken) mit oder ohne Platzangst (Agoraphobie) Phobische Störung (sach- und situationsbezogen)

Nachfolgend eine nähere Definition der eben genannten Angstgruppen: 

Generalisierte Angststörung: Von einer generalisierten Angststörung spricht man, wenn die Symptome der Angst an den meisten Tagen, mindestens mehrere Wochen lang auftreten. Zu den Symptomen der generalisierten Angststörung gehören unter anderem: Befürchtungen (angespanntes Gefühl, Nervosität, Konzentrationsschwierigkeiten) motorische Spannung (z.B. Zittern, Muskelverspannungen, Ruhelosigkeit) vegetative Überregbarkeit (z.B. Schwitzen)

Panikstörung: Eine Panikstörung besteht aus einzelnen Panikanfällen oder Panikattacken. Panikanfälle sind unvermittelt auftretende, extreme Angstzustände, die in der Regel wenige Minuten dauern. Medizinisch spricht man auch von paroxysmaler (= anfallsartiger) episodischer Angst. Nicht selten wird der Ort des Auftretens einer Panikattacke mit deren Entstehung in Zusammenhang gebracht. Aus diesem Grund beginnen viele Leute mit Panikanfällen die Örtlichkeiten an denen diese Zustände auftreten, zu melden. Oft sind dies Orte, wo viele Menschen auf kleinem Raum versammelt sind (Kino, Theater, Konzert, Warenhaus, ...) oder enge Räume (Aufzug, Bahn/Zug, Bus, Flugzeug, ...). Andererseits können auch weite Plätze oder Brücken zu solchen Orten werden. Dies kann dazu führen, dass immer mehr Orte gemieden werden und so der Lebensradius zunehmend eingeengt wird. Im Extremfall kann eine betroffene Person aus den erwähnten Gründen ("aus Angst vor der Angst") das Haus nicht mehr verlassen.

Phobische Störung: Eine phobische Störung bezieht sich stets auf eine spezifische Situation oder ein Objekt. Bei einer objektbezogenen Phobie kommt es zum Auftreten von Angst in Bezug auf bestimmte Objekte wie Spinnen, Schlangen oder Feuer. Die soziale Phobie ist eine situationsbezogene Unterform der phobischen Störungen. Die Patienten meiden zwischenmenschliche Kontakte wie das Sprechen in der Öffentlichkeit oder Treffen mit dem anderen Geschlecht. Häufig kommt es hierbei zu Symptomen wie Erröten, Meiden von Blickkontakt, Händezittern etc.

Die Wahrscheinlichkeit, in unserem Leben an einer Angsterkrankung zu leiden, beträgt 10 - 15 %. In der Gesamtzahl finden sich am häufigsten Patienten mit einer generalisierten Angststörung und einer Platzangst wieder.

"Auch der stärkste Mann schaut einmal unters Bett." schrieb der deutsche Kinderbuchautor und Dramatiker Erich Kästner.

Angsterkrankungen manifestieren sich in der Regel bereits zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Da es sich zumeist um Erkrankungen mit einem chronischen Verlauf handelt, haben die Patienten, wenn sie sich nicht in eine Behandlung begeben, einen langen Leidensweg vor sich. Leider besteht sehr häufig eine hohe natürliche Scham, seine Probleme gegenüber einem Arzt anzusprechen. Auch wird sehr gerne nach einem organischen Leiden gesucht, da es fassbarer ist als eine Angsterkrankung. Geholfen werden kann dem Patienten aber nur, wenn eine ausreichende Aufklärung über die Ursachen und die zugrunde liegenden Mechanismen ihrer Erkrankung erfolgt ist.

Nicht unerheblich ist der Anteil an Patienten, die neben der Angsterkrankung eine weitere Problematik aufweisen. Häufig gehört dazu das Auftreten einer Depression oder eines Missbrauchs von Tabletten oder Alkohol. Diese Tatsache soll nochmals die Notwendigkeit eines individuell abgestimmten Therapieplans (Medikamente und/oder Psychotherapie) verdeutlichen.

Panikattacke

Die Symptome
Folgende Symptome können während einer Panikattacke einzeln oder in Kombination auftreten:

Bewältigung von Angst und Panik

Medikamentöse Behandlung:

Bei der medikamentösen Behandlung kommen häufig die folgenden Medikamente zur Anwendung: trizyklische Antidepressiva
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
Beruhigungsmittel (Tranquilizer) 
Fragen Sie Ihren Arzt!

Psychotherapeutische Behandlung:

Tiefenpsychologische Methoden: Im Vordergrund steht eine Aufdeckung und Auflösung krankheitsverursachender Konflikte und deren unbewussten Beweggründe. Kognitive Verhaltenstherapie: Therapeutisch sollen Veränderungen des Verhaltens und der Lebensbedingungen erlernt werden. Systematische Psychotherapie ... und viele weitere Therapieformen. Ihr Arzt oder ein Psychotherapeut gibt Auskunft!

Weitere Möglichkeiten der Bewältigung von Angst und Panik:

Zahlreiche Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelrelaxation, autogenes Training, fernöstliche Methoden wie Yoga, Chi Gong oder Tai Chi, diverse Kurse, beispielsweise über Stressmanagement oder der Besuch von regionalen Selbsthilfegruppen. 
Was können wir selbst tun, um unsere Ängste erfolgreich zu überwinden?
Zwei Drittel aller Betroffenen können innerhalb kurzer Zeit ihre Angst überwinden. Die folgenden Schritte können uns dabei helfen:

1. Zunächst einmal müssen Sie sich klarmachen: Die meisten Ihrer Ängste entstehen nicht durch eine bestimmte Situation, sondern dadurch, dass Sie diese Situation als gefährlich und sich als hilflos ansehen. Dann müssen Sie sich beobachten, welche Gedanken Ihrem Angstgefühl vorausgehen. Gewöhnlich sind es Gedanken wie: "Bestimmt wird mir das... und das... passieren. Das könnte ich nicht ertragen".

2. Prüfen Sie diese Gedanken: Ist es denn wirklich so, dass dieses schlimme Ereignis mit Sicherheit auf Sie zukommen wird oder kam es bisher vielleicht nur einmal auf Sie zu? Und wenn es auf Sie zukommen sollte, haben Sie dann wirklich keine Möglichkeiten damit umzugehen?

3. Nun müssen Sie damit beginnen, die Situationen, die Sie bisher gemieden haben, wieder aufzusuchen. Für viele Menschen ist es einfacher, mit der einfachsten Situation zu beginnen. Deshalb notieren Sie sich am besten alle Situationen, vor denen Sie Angst haben, und beginnen mit der einfachsten. Erinnern Sie sich dabei daran, dass Sie mit der Situation und den darin auftauchenden Gefühlen umgehen können. Sie werden zunächst Angst empfinden. Sagen Sie sich deshalb: "Ich weiß jetzt, dass all meine körperlichen Symptome auftauchen werden, weil ich mir bisher erzählt habe, wie gefährlich die Situation ist. Sie sind das Ergebnis meiner Gedanken. Sie werden vorübergehen. Ich kann es ertragen, sie sind nur unangenehm. Ich werde jetzt in der Situation bleiben, bis ich ruhiger werde." Wichtig: Bleiben Sie in der Situation, bis die Angst nachlässt.

4. Erlernen Sie eine Entspannungstechnik wie etwa das Autogene Training oder die Progressive Muskelentspannung. Angst und Entspannung können wir nicht gleichzeitig empfinden. Wenn wir bewusst unserem Körper den Auftrag zur Entspannung geben, wird die Angst nachlassen.

5. Erinnern Sie sich daran: Angst kann man nur verlernen, wenn man mit Angst in die Situation geht. Mit zunehmender Übung wird die Angst abnehmen.

6. Da Angst ein körperliches Signal ist, das uns vor Gefahren bewahren soll, kostet es Energie, trotz Angst in die Situation zu gehen. Deshalb ist für manche Menschen eine therapeutische Unterstützung sehr hilfreich.