Leben mit Depression und Angst

Herr B.

Mit meinen jungen 20 Jahren schon an Depressionen zu erkranken, war am Anfang nach der Diagnose ein heftiger Schlag ins Gesicht. „Jetzt auch noch
Depressionen!?“ waren meine Gedanken, wo ich ohnehin schon mein Leben lang mit div. Erkrankungen zu leben hatte.
Alles begann nach einem geplanten Suizid, der durch meinen Vater ausgelöst wurde. – Oder begann das Ganze doch schon früher?
Jedenfalls wurden durch diesen geplanten Suizid, dessen Ausführung scheiterte, manche Menschen in meinem engeren Umkreis wachgerüttelt, was
mich endlich zu Ärzten brachte, die meine Situation erkannten und ernst nahmen. – Erschöpfungsdepression war die Erstdiagnose.
Erschöpfungsdepression, die hauptsächlich durch Mobbing und psychischen Stress in meiner damaligen Arbeitsstelle ausgelöst wurde. Mittlerweile
lautet meine Diagnose ‚rezidivierende Depression’, also eine wiederkehrende Depression. Allerdings würde ich keine Diagnose benötigen, um zu
bemerken das die Depression immer wiederkehrt, sehr oft sogar ziemlich heftig und unbarmherzig.
Verständnis und Rückhalt durch meine Ursprungsfamilie waren und sind nahezu fast gar nicht vorhanden, was das Leid durch die Krankheit noch
zusätzlich erschwert. Wenn dann noch Vorwürfe aus der Familie kommen und die Depression als Ausrede für diverse Pflichten bezeichnet wird, dann
beginnst du dich von deiner Familie fast völlig zurückzuziehen.
Als ich meine Depression nun endlich akzeptierte und auch als Krankheit anerkannte stürzte ich mich in die Flut an Informationen aus dem Internet,
um umfassend informiert zu sein. Wenig später wurde in meinem Bezirk eine Selbsthilfegruppe gegründet, der ich von Anfang an angehöre und die mir
sehr über manche Tiefs hindurch geholfen hat. Es war und ist mir auch ein Anliegen, meine Informationen über die Krankheit an die Mitbetroffenen
weiterzugeben, denn je mehr Informationen man bekommt, desto eher kann man aus der Tiefe der Depression herauskommen.
Später begann ich auch eine psychiatrische Behandlung, um auch medikamentös meine Depression zu lindern. Leider stieß ich auf eine unverlässliche
und wenig hilfsbereite Psychiaterin, die ich einige Zeit später auch wieder verließ um meine Behandlung mit Psychopharmaka in die Hände meines
Internisten zu legen.
Dazwischen folgte ein weiterer Suizidversuch der auch beinahe meinen Tod bedeutet hätte. Nur durch ehemalige Freunde und gute Ärzte konnte ich
gerettet werden.
In meinen bisherigen 5 offiziellen Jahren der Depression hatte ich 5 Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, davon 3 innerhalb eines halben Jahres.
2004 hatte ich auch noch einen 6wöchigen Reha-Aufenthalt.
Mein berufliches Pflichtbewusstsein, das lange nicht gewürdigt wurde ließ mich bisher meist nicht länger als 2 Wochen in den Psychiatrien verweilen,
was oft ein Fehler war, den ich mir erst hinterher eingestand.
In der Psychiatrie angekommen, geht es mir meist recht schnell wieder gut, was mich dann wieder in die Welt des Alltags treibt, wo die Probleme und
Sorgen dann wieder allgegenwärtig sind und meine psychische Verfassung beinahe sofort wieder zusammenbricht. 4 meiner bisherigen
depressionsbedingten Krankenhausaufenthalte wurden ärztlich angeordnet oder für dringend notwendig befunden, erst der letzte wurde von mir
selbst gewünscht. Man lernt sich halt doch im Laufe der Depression besser kennen und seine Ressourcen einzuschätzen. Ich möchte noch mal zu
meinem angesprochenen beruflichen Pflichtbewusstsein zurückkommen, das solange einwandfrei vorhanden ist, solange es nicht wieder zu einem
psychischen „Super-GAU“ kommt. Allerdings laugt mich selbst meine Teilzeitbeschäftigung derart aus und zerrt an meinen wenigen Ressourcen, so
dass ich am Nachmittag nichts mehr von privaten Verpflichtungen beispielsweise im Haushalt wissen will, weil ganz einfach die nötige Kraft und
Energie sowie die Überwindung fehlen und diese Verpflichtungen nach einem Arbeitstag nicht mehr zu bewältigen zu sein scheinen.
Aber auch in diesem Bezug kommt seitens der Familie kaum Unterstützung sondern nur Vorwürfe und selbst sogar Drohungen. Dass das in mir weitere
depressive Gedanken, Sorgen und Schuldgefühle auslöst, scheint meiner Familie nicht bewusst zu sein. Man legt Ihnen Infomaterial hin, dass sie im
Umgang mit mir als Depressiven unterstützen soll, die Blätter werden zwar gelesen, der Inhalt aber scheinbar nicht registriert oder gar umgesetzt.
Vermutlich auch mein Elternhaus und meine etwas schwierige Kindheit sowie die Schulzeit sind sicher mitverantwortlich als Auslöser meiner

Depression. Mein Vater war immer dem Alkohol mehr zugewandt als seiner Familie. Terrorisieren, Drohungen gegen die Mutter, Verwüstungen im Haus 
und manche Flucht standen an der Tagesordnung. Das es für die Schule nicht gerade förderlich ist, mit solchen Gedanken und Ängsten leben zu 
müssen, die du noch dazu mit niemanden besprechen kannst, ist glaube ich klar. Durch eine hypophysäre Insuffizienz, einer Unterentwicklung der 
Hirnanhangdrüse, die den zweiten Teil des Auslösens meiner Depression bildet, war ich von Anfang an recht klein und musste fast tägliches Spritzen 
von Wachstumshormonen über mich ergehen lassen, dass ich überhaupt meine heutige Größe erreichen konnte. Auch diese Erkrankung und meine 
Sehschwäche nagten an meinem Ego. Auch die durch den Kleinwuchs, meine eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit, durch Sehschwäche und der 
etwas rundlichen Statur ausgelösten Verspottungen durch meine Mitschüler waren für mich nur schwer zu ertragen.
Bei mir äußert sich eine mittlere bis starke Depression durch Grübeln über alles was mir in meinem Leben widerfährt, durch tiefe Traurigkeit, die man 
mit einer Traurigkeit beispielsweise über die Krankheit eines lieben Menschen, in keinem Fall vergleichen kann.
Es ist ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt. Oft zieht sich der Körper zusammen und es kommt zu Verspannungen. Auch Ein- und 
Durchschlafstörungen können durch das spätabendliche Grübeln auftreten. Man hört von vielen Depressiven, dass sie es am Morgen kaum aus dem 
Bett schaffen. Wenn es bei mir soweit kommt, dann weiß ich, dass bald wieder eine „Auszeit vom Leben“ notwendig wird, weil ich am Morgen 
normalerweise keine Probleme habe. Baut sich die Depression langsam wieder auf, reicht oft eine Kleinigkeit, etwa der Ärger über eine Mahnung, das 
die Sache eskaliert. Wenn ich dann nicht ein einigermaßen brauchbares Netz um mich habe, dass im Stande ist mich aufzufangen, ist ein 
Suizidversuch meist nicht weit. Aber auch wenn man durch die Depression manche Freunde verliert, von denen man es nie geglaubt hätte, man gewinnt auch – beispielsweise durch 
die Selbsthilfegruppe – wieder neue Freunde, die dann auch das notwendige ernstgemeinte Verständnis für seine Gefühle aufbringen können. Bei einer 
starken Depression kann ich mich meist über nichts mehr freuen. Wenn ich beispielsweise sonst bei wolkenlosem Himmel richtig auflebe, ist mir 
dieser dann völlig egal. Es ist auch schon vorgekommen, dass mir dann nicht einmal Essen geschmeckt hat, wo ich sonst nicht widerstehen kann. Auch 
Weinkrämpfe können dann vorkommen. Aber das Weinen musste ich im Laufe meiner Depression erst wieder lernen, weil man dass in der Depression 
oft nicht mehr kann, obwohl das Bedürfnis da wäre. Ich bin froh, es wieder zu können, weil es doch leichter macht und der innere Druck dadurch 
etwas nachlässt. Von mittleren Depressionsschüben versuche ich mich durch Entspannung, Suggestion oder „Kraftmusik“ herunter zu holen, was bei 
schweren Depressionen natürlich nicht mehr funktioniert.
So bin ich glaube ich doch durch mein Leben, aber auch durch meine Depression auch in meinen jungen Jahren schon sehr erfahren, was mein Leben 
betrifft und hoffe, dass sich die Depression nicht mehr allzu lange an mich klammert. Aber wer weiß, vielleicht kann ja ich sie gar nicht loslassen?
Herr B. im Februar 2006